Echte Tränen habe ich nicht mehr

Fulvia Levi erzählt ihr Leben als Jüdin unter den Rassengesetzen

Neunundvierzig Jahre hat sie geschwiegen. Hat Angst, Schmerz und Enttäuschung in ihrem Herzen verschlossen. Vielleicht in der Hoffnung, dass die Narben verheilen würden. Sieben Jahre lang, von 1938 bis 1945, lebte sie mit ihren Eltern als Geächtete, die letzten beiden Jahre versteckt in einem Haus an der Riviera del Brenta, Jahre, die von Furcht, Entbehrungen und Trennung von einigen ihrer engsten Angehörigen geprägt waren. Seit 1994, dem Jahr ihrer Pensionierung, hat Fulvia Levi zu sprechen begonnen und dabei erkennen müssen, dass bestimmte Narben nie heilen. Dass im Gegenteil der Schmerz mit jedem Wiedererleben an Intensität zunimmt, dass dieses Wachrufen des Schmerzes aber notwendig ist, um zu warnen, weil es eben nicht stimmt, dass Geschichte sich nicht wiederholen kann.

Fulvia Levi wurde am 19. April 1930 geboren, ihre jüdische und sephardische Familie war seit Generationen in Triest ansässig. Ihre engste Familie, das waren ihre Mutter Elisa, ihr Vater Carlo und ihre acht Jahre ältere Schwester Bruna. 18. September 1938: Dieses Datum markiert eine Zäsur, nichts sollte danach sein wie vorher. An diesem Tag verkündete Benito Mussolini auf der Piazza d’Unità d’Italia in Triest das “Manifesto italiano della razza”, die italienischen Rassengesetze. “Nach diesem Tag war es, als wären wir plötzlich durchsichtig geworden. Wir haben nicht mehr existiert”, erinnert sich Fulvia Levi, die heute, an der Schwelle ihres neunzigsten Geburtstages, nicht müde wird, Schulen zu besuchen, um ihre Erfahrungen mit den neuen Generationen zu teilen.

Fulvia Levi, über Jahrzehnte Englischlehrerin an verschiedenen Mittelschulen in Triest, erinnert sich auch mit fast neunzig an alles und ebenso wach nimmt sie die Realität wahr. Und was sie sieht, was sie heute lebt, macht sie noch entschlossener in ihrer Mission: Zeugnis abzulegen. Die Aufgabe der Überlebenden.

Frau Levi, Sie waren 1938 acht Jahre alt. Was war die erste konkrete Änderung nach der Verabschiedung der Rassengesetze?

Fulvia Levi: Ich wurde der öffentlichen Schule verwiesen und ging auf die private, jüdische Schule in Triest. Für mich persönlich war das damals nicht unbedingt ein Trauma. Ich war noch klein, ich hatte noch keine tiefen Freundschaften entwickelt. Meine Schwester hatte es da schwerer. Sie hätte die Abitur-Klasse besuchen sollen, die Rassengesetze machten ihrem Traum von einer Hochschulkarriere ein Ende.

Was war der größte Unterschied zu der vorigen Schule?

Fulvia Levi: Wir hatten sehr gute Lehrerinnen, ich fühlte mich angenommen. Der Unterschied bestand darin, dass wir, wie soll ich sagen, „gedämpft“ waren. Wir mussten die ganze Zeit ruhig und still sein. Keinen Lärm machen, nicht zu laut lachen oder spielen. Nur nicht auffallen, war die Devise.

Und galt das auch für das Familienleben?

Fulvia Levi: Natürlich. Um uns herum war eisige Kälte, und wenn wir keine Beschimpfungen oder Schlimmeres riskieren wollten, dann mussten wir unauffällig bleiben. Zwischen 1942 und 1943, vor der endgültigen Katastrophe, konnten wir noch drei Familienfeste feiern. Feiern, weil wir zusammen waren, uns zusammen freuen konnten. Kein großes Fest, keine Gäste, keine Festkleidung, kein Festessen, keine Geschenke. Unauffällig. In Stille. Der erste Anlass war die Goldene Hochzeit meiner Großeltern am 6. März 1942. Dann die Hochzeit meiner Schwester. Immerhin noch drei tage Flitterwochen. Aber nicht wie es damals üblich war in Cortina, wo Juden unerwünscht waren, sondern in San Vito di Cadore.

Und dann 1943 ihre Bat Mizvah…

Fulvia Levi: Das ist richtig. Es war der 9. Juni. Der letzte Festakt im großen Tempel von Triest. Meine Mutter wollte mich gar nicht daran teilnehmen lassen, aus Angst. Im Tempel und vor dem Tempel bewaffnete Soldaten. Ich habe sogar noch ein Foto: Meine Schwester Bruna und ich vor dem Eingangstor. Auf der einen Seite der Tür das deutsche Hakenkreuz, auf der anderen das Symbol des Faschismus.

Als Kind hat man eine andere Sichtweise als Erwachsene, ist mehr auf kleine Details fokussiert als Erwachsene.

Fulvia Levi: Als traumatisch sind mir besonders zwei Dinge im Gedächtnis geblieben: unser langjähriger Kinderarzt weigerte sich, mich weiterhin als Patientin zu behandeln. Und dann der Tag, an dem sie unser Radio versiegelten, 1941 glaube ich. Juden war Radiohören verboten. Das Gerät blieb zwar im Haus, aber es wurde mit Bleiplomben versiegelt. Ich weinte untröstlich. Heute noch habe ich den Beleg für die erfolgte Versiegelung.

Und dann kam der 25. Juli 1943. Der Fall des Faschismus…

Fulvia Levi: Es schien alles vorbei zu sein… dabei stand uns das Schlimmste erst noch bevor. Meine ganze Familie, wirklich alle, sogar meine Schwester mit ihrem Mann und ihre neue Familie, mein Onkel und meine Großeltern, hatten eine Wohnung in Terzo di Aquileia gemietet, damals vier Häuser mitten im Nirgendwo. Vielleicht war es das einzige, auf jeden Fall das letzte Mal, dass wir alle zusammen waren. Von Zeit zu Zeit fuhren wir nach Triest zurück, um nach unserem Hab und Gut zu schauen, das letzte Mal am 8. September 1943.

Am 9. September standen sie dann mit einem kleinen Koffer auf der Straße in Richtung unbekannt…

Fulvia Levi: Tatsächlich wussten wir nicht, wohin wir gehen sollten. Es war klar, dass wir die Stadt Triest, die umgehend von den deutschen Truppen besetzt worden war, verlassen mussten.  Wir beschlossen, unser Glück in Venedig zu versuchen. Es schien uns die einfachste Stadt zu sein, um unterzutauchen… Bis Oktober blieben wir dort, dann gelang meiner Schwester die Flucht in die Schweiz; mein Onkel ging mit meinen Großeltern nach Mailand und wir reisten nach Oriago an der Riviera del Brenta, wo ein Freund meines Vaters ein kleines Haus hatte. Dank der Familie von Adele Zara und ihrem Mut haben wir überlebt und sind der Deportation ins Konzentrationslager entronnen. Auf mein Bestreben hin wurde Adele Zara in die Liste der “Gerechten” des Staates Israel aufgenommen.

Insgesamt dreimal haben sie versucht, Italien zu verlassen und ihrer Schwester in die Schweiz zu folgen?

Fulvia Levi: Ja, mithilfe von Schleppern. Das erste Mal mit einem kleinen Koffer, das zweite Mal mit einer Schultasche und das dritte Mal mit nichts als unseren Kleidern. Das war am 30. November 1943. Wir hatten die Nacht im Bahnhof in Padua verbracht, am nächsten Morgen, am 1. Dezember 1943, erging der nur einen vorher erlassene Tag Befehl für die Verhaftung und Internierung aller Juden. An eine Ausreise war nicht mehr zu denken.

Zurück nach Oriago also?

Fulvia Levi: Ja, und jetzt wurden wir in zwei winzigen Kammern auf dem Dachboden versteckt. Um ja nicht ins Auge zu fallen. Im Winter war es eisig dort. Keine Heizung. Die Risse in der Wand waren voller Eis und das Wasser gefror in den Gläsern. Draußen dickster Nebel. Adele Zara hat alles mit uns geteilt, obwohl sie selbst eine 17-köpfige Familie durchzubringen hatte! Manchmal ging mein Vater zu den Bauern, um nach Nahrung zu suchen. Manchmal kam er mit Gänseeiern zurück. Das war jedes Mal ein Fest für uns. Ja und dann mussten wir von Oriago fliehen, unsere Anwesenheit war gemeldet worden. Das Datum hat sich mir eingebrannt. Es war der 28. März 1944. Wir flüchteten nach Venedig, und nach vielen Höhen und Tiefen, Schwierigkeiten aller Art, kehrten wir schließlich am 28. Juli nach Oriago zurück, das uns letztlich als der sicherste Ort erschien.

Vermutlich auch, weil es abgelegen war, wenn auch vom Kriegsgeschehen direkt betroffen…

Fulvia Levi: Ja, auch dort sickerte durch, was in Deutschland passierte… wir hörten von Lagern, von schrecklichen Dingen. Wir lebten in einem Alptraum. Abgesehen von der Rassentrennung, dem Hunger, den ständigen Bombenalarmen, dem Krieg…fühlten wir auch diese Bleikappe über unseren Köpfen.

Ich wage nicht, mir vorzustellen, wie es war, vom Schicksal der Juden in Deutschland zu erfahren…    

Fulvia Levi: Ich kann es gar nicht so genau sagen. Wir wussten von den Viehwagons, von den Deportationen, von der Folter. Von den schrecklichen Vergehen an Mädchen und jungen Frauen. Deshalb bin ich auf sehr brutale Art und Weise in gewisse Dinge eingeführt worden, die Mütter unter normalen Umständen ihren Töchtern mit viel Zartgefühl und Delikatesse vermitteln. Aber es war keine Zeit für derlei Empfindlichkeiten. Wir konnten ja von einem Tag auf den anderen Tag gefangen und deportiert werden, deshalb musste ich wissen… Mehr weiß ich nicht, oder will ich nicht erinnern! Ich glaube, aber ich könnte es nicht beschwören, dass wir über die wahre Funktion der Gaskammern nicht aufgeklärt waren. Wer hätte uns auch davon berichten können? Am Anfang gelang dem einen oder anderen noch die Flucht, dann war nur noch das Grauen ohne Ende.

Sie blieben bis September 1945 in Oriago? Zur Schule konnten sie in diesen zwei Jahren nicht gehen, Sie „existierten“ ja nicht…

Fulvia Levi: Genau. Niemand hätte von uns wissen sollen, auch wenn, um die Wahrheit zu sagen, viele wussten und schwiegen. Der Arzt im Ort ließ mich unter falschem Namen röntgen, weil ich eine Lungenkrankheit hatte. Der Pfarrer gab mir Lateinunterricht, meine Mutter Italienisch, mein Vater Mathematik. Ich las ungemein viel. Ich habe die “Verlobten” von Manzoni auswendig gelernt.

Und im September 1945 kehrten Sie endlich nach Triest zurück? Nach Hause…

Fulvia Levi: Nun ja, sozusagen… Unsere Wohnung war ja nur gemietet. Unsere Möbel waren von den Faschisten und Deutschen weggebracht worden, sie hatten sogar eine Inventarliste hinterlassen. Uns wurde ein Zimmer zugewiesen, das Bad stand zur Verfügung aller, uns hatte es auch als Küche zu dienen. Es waren zwei weitere sehr schwierige Jahre. Ohne Privatsphäre, erzwungenes Zusammenleben auf engstem Raum mit Personen, die ich als “schwierig” bezeichnen möchte… Aber am 10. Dezember 1945 konnte ich die Mittelschul-Prüfung ablegen und anschließend das wissenschaftliche Gymnasium besuchen. Und schließlich traten wir 1947 wieder in den vollen Besitz unserer Wohnung oder dem, was davon übriggeblieben war. Das “normale” Leben sollte wieder beginnen.

Bis 1994 haben Sie nie über all diese Dinge gesprochen. Warum dann?

Fulvia Levi: 1947 fand ich mich, wie soll ich es erklären… meiner Jugend beraubt. Es war, als fehlten mir zwei Jahre meines Lebens. Dies wirkte sich auch auf mein Verhältnis zu meinen Gleichaltrigen aus. Ich hatte alles in mir verschlossen, war verschlossen und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich nie geheiratet habe, nie eine eigene Familie gegründet habe. Warum ich angefangen habe zu reden? Ganz einfach, weil man begonnen hat, mir Fragen zu stellen!

Und heute empfinden Sie das als eine Mission? Auch wenn mit jedem Mal die Narben wieder aufbrechen?

Fulvia Levi: Ich war in keinem Lager, musste nicht leiden, wie andere, wie zum Beispiel die Senatorin Liliana Segre. Meine Geschichte scheint klein und unwichtig zu sein im Vergleich zu jenen, die im Lager waren. Aber auch ich habe dafür bezahlt, Jüdin zu sein, und das war und bleibt die erste Wunde. Ich stelle mich immer wieder diesem Schmerz, weil ich hoffe, dass das Wissen dazu dient, aus dem, was geschehen ist, zu lernen. Damit es sich nicht wiederholt! Echte Tränen habe ich keine mehr, aber die Emotionen sind da, auch wenn ich sie immer zurückdränge. Eines steht fest, ich werde weitermachen, so lange mein Alter es zulässt. Bei meinen ersten Vorträgen war das Klima anders. Heute stoße ich immer wieder auch auf eine gewisse Feindseligkeit, vor allem vonseiten der Eltern, und das treibt mich noch mehr an.  Ich hoffe, dass mein Zeugnis den neuen Generationen zeigt, wie wichtig Wissen, Toleranz, Freundschaft, Solidarität und vor allem FREIHEIT sind (schreiben Sie das bitte in Großbuchstaben)!

Fulvia Levi war Ehrengast einer Veranstaltung, die im Januar 2020 im Rahmen des 8xMille-Projekts “Ich lerne, was ich lebe” in zwei Schulen in Triest unter dem Titel “Dem Schweigen eine Stimme verleihen” organisiert wurde, und sie möchte ausdrücklich der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien für diese Einladung danken.

Nicole Dominique Steiner, 12. Februar 2020

Jedes Jahr um den 17. Februar begehen die evangelischen Kirchen in Italien die Woche der Freiheit in Erinnerung an den 17. Februar 1848, an dem den Waldensern in Italien die Bürgerrechte zugestanden wurden. Nur wenige Tage später erlangten auch die jüdischen Bürger diese Rechte. Für die Woche der Freiheit wird jedes Jahr ein Thema gewählt, das im Zusammenhang mit Rechten, sozialem Engagement und Laientum steht. Für das Jahr 2020 hat der Bund der Evangelischen Kirchen in Italien, FCEI, das Thema Antisemitismus gewählt, „in der Überzeugung, dass der Antisemitismus nie wirklich ausgelöscht war, und sich in Europa und Italien in beängstigender Weise wieder verbreitet.“