Bettenwechsel

Bettenwechsel ist immer am Samstag. So haben wir das gelernt. Wohl schon nach dem Krieg als das Wirtschaftswunder seinen Profiteuren Urlaubs-Reisen in beachtlicher Zahl ermöglichte und es einer gewissen Ordnung bedurfte, um den Ansturm zu bewältigen, wurde der Bettenwechsel am Samstag erfunden. Da wurden dann nicht nur die Betten der Fremdenzimmer neu bezogen, sondern zugleich die Fern-Straßen einer echten Belastungsprobe unterzogen. Auch wir als Familie folgten dieser Logik, als wir mit Skiurlauben im Eggental begannen. Und als ich hier in Bozen auf Zeit sesshaft wurde, haben mir besorgte Gemeindeglieder relativ klar zu verstehen gegeben, ich solle am Samstag besser nicht zu ihnen ins Pustertal fahren, weder beruflich, noch privat. Denn Samstag ist Bettenwechsel.

Bettenwechsel – dieses Phänomen lernte ich wenig später von einer ganz anderen Seite kennen. Und der Samstag spielt dabei keine Rolle mehr. Wir können als kleine evangelische Gemeinde im Einzelfall Unterkunft gewähren. Unsere Gäste kommen dabei nicht in Urlaubslaune, oder über die Brennerautobahn, ihre Anreise zieht sich oft über Monate hin, ist mehr als abenteuerlich und verdankt sich meist Ursachen, die ich mir nicht ansatzweise vorstellen kann. Eine Matratze und eine Decke, vor allem aber ein Dach über den Kopf. Das können wir gewähren. Für ein paar Tage und nur für ein paar wenige. Mehr ist es nicht. Und doch sind diese Plätze begehrt und der Bettenwechsel erwartet.

Es ist mir eine neue Erfahrung. Menschen leben auf der Straße, auch im Winter, obwohl Land und Stadt wohlhabend sind, und obwohl Wohnungen leer stehen. Die Politik will keine Anreize auf noch mehr Zuzug nicht zugewiesener Flüchtlinge schaffen, und Investoren wollen Wohnungen als Geldanlagen halten und mit Gewinn wieder verkaufen können, da könnten Mieter dann sogar eher hinderlich sein. Diese Argumente kann ich hören und verstehen. Aber im Herzen begreifen, dass dafür Menschen auf der Straße leben müssen, das kann ich doch nicht. Bettenwechsel – ich wünschte, dieses Wort würde für mich wieder seine amüsant-unschuldige Bedeutung zurück bekommen.

Pfr. Michael Jäger, Bozen