Kirche darf nicht Partei werden

Interview mit dem Dekan der ELKI, Heiner Bludau
Die Nachrichtenagentur Nev des Bunds der Evangelischen Kirchen in Italien, FCEI, veröffentlicht in der Zeit des Jahreswechsels Interviews mit den höchsten Amtsträgern der Mitgliedskirchen. Das Interview mit Heiner Bludau, seit fünf Jahren Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, ist am 30. Dezember 2019 erschienen. Die ELKI ist mit wenigen tausend Mitgliedern eine der kleinsten protestantischen Kirchen in Italien, aber sie ist eine Kirche, die sich nicht scheut, ihre Stimme zu allen wichtigen Fragen der Zeit zu erheben.

In ihrer Weihnachtsbotschaft haben Sie von der Wichtigkeit gesprochen – nicht nur in dieser besonderen Zeit des Jahres  –  Rückblick zu halten und nach vorne zu schauen. Was sehen Sie, wenn Sie zu zurückblicken?

Heiner Bludau: Ich würde meinen Rückblick an drei Begriffen festmachen: Flüchtlinge, Nachhaltigkeit und Populismus. Was die Flüchtlingsfrage betrifft: Dies ist ein Phänomen, mit dem wir es noch sehr lange zu tun haben werden. Die Frage ist, wie kann man ihnen helfen, ohne Menschenhändler zu unterstützen.  Eines steht jedenfalls fest: Wir können nicht untätig zuschauen wie Menschen im Mittelmeer ertrinken! Zur Nachhaltigkeit:  Mir scheint, die Welt ist ein bisschen aufgewacht. Auch wir, das heißt die EKLI. Auf unserer letzten Synode haben wir ein klares Bekenntnis zur Nachhaltigkeit abgelegt und den Schutz von Klima und Umwelt zur allerhöchsten Priorität im Blick auf unser Handeln erklärt. Aber die Situation bleibt kritisch und ich kann nur hoffen, dass wer sich heute noch weigert, den Ernst der Situation wahrzunehmen, sich eines Besseren besinnt, bevor es tatsächlich zu spät ist. Das gilt sowohl für jede und jeden Einzelnen in der Gesellschaft als auch besonders für die Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft. Was den Populismus betrifft, gibt es hier wie beim Klimaschutz weltweit eine starke Bewegung, nur leider in die falsche und in meinen Augen äußerst Besorgnis erregende Richtung! Aber es gibt hier in Italien auch einen Hoffnungsschimmer: die Bewegung der Sardinen.

Und wenn sie vorausschauen? Was wird 2020 zu erwarten sein?

Heiner Bludau: Im Allgemeinen sehe ich die große Herausforderung darin, sich den dringenden Problemen unserer Zeit zu stellen und nicht die Augen davor zu verschließen, und zwar gemeinsam, unabhängig von Überzeugung und Credo. Was die ELKI betrifft, erwartet uns ein spannendes 2020. Die Synode wird ein neuesdas Synodalpräsidium und die Laienmitglieder des Konsistoriums neu wählen und im Sommer, vom 1. – 8. Juli haben wir eine Reise nach Österreich organisiert, zu der Mitglieder aller evangelischen Kirchen in Italien herzlich eingeladen sind. Wir werden u. a. Wien besuchen, Bischof Michael Chalupka und dem Generalsekretär der GEKE, Mario Fischer, begegnen und vom 3.-5. Juli an den Christlichen Begegnungstagen in Graz teilnehmen.

In Deutschland zählt die Evangelisch-Lutherische Kirche ca. 21 Mio. Mitglieder, die Katholiken 23 Mio. Zahlen, die im Abnehmen begriffen sind. In Italien sind die Lutheraner eine der kleinsten evangelischen Kirchen. Sie haben als Pfarrer sowohl in der großen Volkskirche als auch in der Diaspora Erfahrungen sammeln können. Wirkt sich dieser Unterschied auf die pastorale Tätigkeit aus?

Heiner Bludau: Ja, natürlich, aber nicht nur im negativen Sinn. Natürlich hat unsere Stimme in der Öffentlichkeit und auch unter den anderen Christen hier in Italien einen geringeren Stellenwert als in Deutschland. Aber wir können als kleine Kirche auch schneller auf Herausforderungen reagieren und dabei dennoch in demokratischer Weise quasi alle Mitglieder unserer Kirche mit einbeziehen.

Unsere eigentliche Aufgabe als Kirche bleibt allerdings, das Evangelium zu verkünden und uns zu bemühen, ihm entsprechend zu leben. Dabei spielt die Größe der Kirche nur eine untergeordnete Rolle. Ein großer Unterschied zu Deutschland liegt in der Beteiligung der Gemeindeglieder. Wer hier in Italien in der Kirche eingeschrieben ist, lebt die Kirche, die Gemeinschaft, die Gottesdienste viel intensiver als in Deutschland, weil es eben nicht selbstverständlich ist. Und was die starke Präsenz der katholischen Kirche in Italien betrifft: Als ich nach Turin gekommen bin, dachte ich, wir seien eine kleine, unbedeutende und isolierte Minderheit. Und das stimmt nicht. Im Gegenteil, es gibt nicht nur eine gute Zusammenarbeit mit den anderen protestantischen Kirchen, uns wird gerade auch von katholischer Seite großes Interesse entgegengebracht. Von wegen isoliert! Zudem sind wir (nicht nur in Turin) Gast in einer katholischen Kirche.

Mitgliederschwund: Wie kann die Kirche heute die Menschen erreichen, bzw. was sollte sie vermeiden?

Heiner Bludau: Ich drehe die Fragestellung um: Zunächst, was die Kirche nicht tun darf. Sie darf nicht ihre eigenen Interessen als Institution mit den Zusagen und Aufgaben des Evangeliums verwechseln und vermischen. Die der Verkündigung des Evangeliums entsprechende eigentliche Aufgabe ist lebendig und schwierig zugleich: Die Zusagen des Evangeliums und die damit verbundene Infragestellung unseres üblichen Verhaltens steht einerseits über dem Alltag und ist doch nur in Verbindung mit dem Alltag vermittelbar. Hier den richtigen Weg zu finden, ist jeden Tag eine neue Herausforderung und gelingt nur, wenn man sich immer wieder neu vom Wort Gottes inspirieren lässt, aber auch die Augen nicht verschließt angesichts der Realität, in der wir leben.

Ist es Ihrer Ansicht nach richtig, dass Kirche in politische und soziale Fragestellungen eingreift und Stellung bezieht?

Heiner Bludau: Insofern die politischen und sozialen Gegebenheiten Teil der Wirklichkeit sind, in der wir leben, müssen wir uns als Christen natürlich mit ihnen auseinandersetzen, und auch die Kirche muss unter gewissen Bedingungen ihre Stimme erheben. Die Grenze liegt für mich dort, wo verschiedene Gruppen und Parteien in der Politik unterschiedliche Wege sehen, Ziele, die den Menschen dienen, zu erreichen. Hier darf die Kirche nicht so tun, als wäre sie der Garant für den richtigen Weg. Andernfalls würde die Kirche selbst zu einer Partei. Kirche muss Werte, muss die Menschenrechte verteidigen. Es muss aber auch möglich sein und bleiben, dass Menschen unterschiedlicher politischer Auffassung miteinander in der Kirche leben.

 

Nicole Dominique Steiner

https://www.nev.it/nev/2019/12/30/luterani-heiner-bludau-la-chiesa-non-deve-diventare-un-partito/