Kirsten Thiele und ihre Eindrücke von der der 12. Synode der EKD in Dresden

Viel Zeit für tiefgründige Diskussion

Die Vizedekanin der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Kirsten Thiele war Gast der 6. Sitzung der 12. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands in Dresden. Eine Kirche mit mehr als 21 Millionen Gläubigen und 14.000 Gemeinden, ein starker Kontrast zur Realität der ELKI, Kirche in der Diaspora mit einigen tausend Mitgliedern. 

Auf dem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit war das Thema der 12. Synode der EKD. Die engagierte Auseinandersetzung mit (brisanten) politischen und aktuellen, gesellschaftlich relevanten Thematiken nahm großen Raum auf der Synode ein …

Kirsten Thiele: … das war tatsächlich einer der großen Unterschiede, wenn wir Vergleiche mit unserer Synode anstellen wollen. Ich war das erste Mal auf einer Synode der EKD und war erstaunt über die Zeit, die zur Verfügung stand, um sich tiefgründig thematisch auseinanderzusetzen. Es gab nicht die Fülle an Beschlüssen abzuarbeiten wie auf unserer Synode, weil das die Landeskirchen erledigen.

            Welches Thema hat Sie besonders beeindruckt?

Kirsten Thiele: Im Anschluss an die programmatische Rede von Ratsvorsitzendem Heinrich Bedford – Strohm gab es eine lange Diskussion. Und mehr als 50% der Beiträge drehten sich um das von ihm schon vor ein paar Monaten angekündigte Vorhaben, ein Schiff ins Mittelmeer zu entsenden. Nicht alle waren damit einverstanden, aber er beharrt auf diesem Plan…

            War es da nicht schwer, still zu bleiben und als Gast nicht das Wort ergreifen zu können?

Kirsten Thiele: Oh, ich habe sehr wohl einen Denkanstoß geben können. Der ehrlichgesagt auch sehr wahrgenommen wurde. Als Augenzeugin sozusagen. Nicht nur, weil ich aus Italien komme, sondern auch, weil ich ja selbst auf der Open Arms war. Ich habe miterlebt, wie das ist, wenn Menschen wochenlang auf einem Boot zusammengepfercht sind, weil sie keinen offenen Hafen finden. Das ist eine ungemein starke psychologische Belastung, für die Flüchtlinge ebenso wie für die Besatzung. Und das war auch mein Beitrag: Ein Schiff, um Leben zu retten, ist eine schöne und edle Idee, aber es reicht nicht, einfach eines zu entsenden. Man muss vorher abklären, wo und ob dieses Schiff dann auch anlegen kann.

            Haben Sie sich in den angesprochenen Themen wiedererkannt, die ELKI wiedererkannt?

Kirsten Thiele: Im Zusammenhang mit dem Thema Frieden und Gerechtigkeit, gab es ein ganz klares Bekenntnis, dass damit auch Klimagerechtigkeit gemeint ist und das war ja eines der Hauptanliegen unserer Synode in diesem Jahr. Es wurde betont, dass zivile Prävention den Vorrang hat vor militärischer Prävention. Projekte des zivilen Friedensdienstes wurden vorgestellt, und daneben eine Ermahnung auch von militärischer Seite (die Militärseelsorge ist ja auch vertreten), differenziert zu beurteilen – nicht alle Waffen seien zum Angriff da, sondern auch um Gewalt zu verhindern (UN-Friedenstruppen mit oder ohne Waffen?). Hier wurden die Kontroversen klar, die auch nebeneinander stehen blieben, aber heftig diskutiert wurden.

Die EKD hat ja auch den entsprechenden politischen Einfluss, Beziehungen, um tatsächlich solche Forderungen nachhaltig vorzubringen. Ein weiteres Thema, das auf große Resonanz gestoßen ist, war die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt.Thiele

            Gewalt gegen Frauen?

Kirsten Thiele: Auch. Sexuelle Gewalt und sexuelle Übergriffe an Menschen, die sich nicht wehren können, vor allem auch an Kindern und Jugendlichen. Es gab dazu Workshops mit ungemein berührenden Erfahrungsberichten. Und hier hat die Synode zwei wichtige Entscheidungen getroffen: Die Einrichtung eines Beirats, der frei von kirchlichen Weisungen entscheiden kann und eines Beirats der Betroffenen, ein Gremium, in dem sie nicht nur Zeugnis ablegen, sondern auch Deutungshoheit haben, das heißt, entscheiden können über Entschädigungen, Angemessenheit usw. , vor allem aber auch darüber, wann es „gut sein kann“. Dies sollen nicht andere, von außen, entscheiden, sondern die Betroffenen selber.

            Wie wurde Ihnen entgegengekommen?

Kirsten Thiele: Mit viel Neugierde und Interesse. „Ach, ihr seid eine richtige Kirche?“Wie die ELKI organisiert ist, wie viele Gemeinden wir haben und natürlich immer wieder die Frage nach der Situation im Mittelmeer. Da war wirklich große Wissbegierde. In Deutschland bekommt man das gar nicht richtig mit.

            Besondere Begegnungen?

Kirsten Thiele: Viele; eine ist mir besonders nahegegangen. Im Rahmen des ökumenischen Mittagsmahls kam ich mit einem Böhmischen Bruder aus Prag ins Gespräch. Er erzählte mir, dass auch sie immer wieder Appelle der FCEI erhalten und sich irgendwie nie so richtig angesprochen fühlen, weil sie so eine kleine Glaubensgemeinschaft sind. Als er von der ELKI und von der Vielfalt unserer Initiativen hörte, war er betroffen und sagte, er werde das jetzt wahrnehmen. Wir sind auch klein, aber wir machen unseren Mund auf, beziehen Position, bewirken und werden auch wahr- und ernstgenommen!

nd