Atem des Lebens

Erinnerst du dich an den Moment?

Der Moment, in dem du dich ganz lebendig fühlst. Der Atem strömt durch deinen ganzen Körper. Ein und aus. Es kribbelt auf deiner Haut.

Der Moment, in dem du dich ganz lebendig fühlst:

Beim Aufstehen. Am Anfang eines neuen Tages, wenn du die ersten Sonnenstrahlen siehst.

Der erste Atemzug frischer Herbstluft.

Im Auto, als du das Fenster runterlässt und der Wind dir kräftig entgegenkommt und dir um Ohren weht.

Wenn du den Ohrwurm, den du seit Tagen hast, ganz laut mitsingst.

Der Moment, wenn du dich beim Tanzen ganz unbeobachtet fühlst und es sich kurz anfühlt als würdest du schweben.

Der Moment, als du zum letzten Mal die Augen geschlossen hast und einfach mal nichts gemacht hast. Einfach da sein und atmen.

In diesem Moment ist sie da. Diese unsichtbare Energie. Lebenskraft. Geist Gottes.

Hol mal tief Luft!

Beim nächsten Spaziergang. Wenn du im Konzert die Schwingungen der Musik spürst. Beim Blick in die Weite. Vor dem nächsten Gebet.

Spürst du das?

Den Atem des Lebens.

Atem des Lebens, wehe uns an. Du, der uns Menschen begeistern kann. Erneuere uns. Und der Erde Angesicht.

Den Geist Gottes stelle ich mir nicht als laues Lüftchen vor, das einen sanft umschmeichelt, nicht vorsichtig, nicht schüchtern. Sondern eher wie ein Brausen, ein gewaltiger Sturm, der jede Lebensfaser mitreißt. Nichts bleibt unberührt.  Er ist wie ein zündender Funke. Wie ein Gefühl, eine Idee, die nicht mehr zurückgenommen werden kann. Wie eine Flamme, die nicht mehr auszukriegen ist. Wie ein wärmendes, loderndes Licht, das in mir brennt.

Atem des Lebens. Nimm in uns Wohnung, bring Leben und Licht. Atem des Lebens, erneuere uns. Und der Erde Angesicht.

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Das wünsch ich mir:

Dass der Geist Gottes braust und stürmt durch unsere Kirche, durch unsere Gespräche, unsere Familien, unsere Wohnungen, unsere Köpfe und Herzen. Dass er die Müden wachmacht. Und diejenigen, die dösen und sich eingerichtet haben aus ihrer Wohlfühlzone holt. Dass er uns aufweckt, uns mitreißt, uns irritiert. Ein Brausen, dass uns so durcheinanderbringt, dass wir mal alles von neuem Denken dürfen. Gottes Brausen fege es weg: den heutigen „Muff unter den Talaren“, die Vorbehalte aus den Köpfen, die Angst aus unserer Brust. Die Sorgen vor dem, was morgen kommt. Die Furcht vor dem Neuen. Gottes Geist wecke uns auf aus unseren Illusionen. Aus unserer Vorsicht. Und Bedenklichkeit. Ich stelle mir vor, dass er uns für einen Moment grenzenlos sein lässt. Wie Träumende. Visionäre. Kinder Gottes auf Erden. Lebendig und frei.

Atem des Lebens. Wort, das uns weckt. Weise, die niemals nach Aufgeben schmeckt. Lied, in dem heute das Morgen anbricht. Erneuere uns, erneuere uns! Und der Erde Angesicht.

Elisa Schneider, Pfarrerin im Auslandsvikariat (Neapel).

*Liedzeilen: „Atem des Lebens“ Text: Eugen Eckert.