Die Reformation mit Leben füllen – gemeinsam

Mailand: Reformierte und Lutheraner begehen die 500 Jahre der Reformation Zwinglis
“Ein Christ sein heißt nicht von Christus schwätzen, sondern wandeln wie Christus gewandelt ist” (Ulrich Zwingli)

Sola scriptura, der Mut zu immer neuem Denken und die Inspirationsquelle des Humanismus – das sind wohl die wichtigsten Berührungspunkte zwischen Reformierten und Lutheranern. Das Zusammentreffen im Jahr 1529 zwischen Martin Luther und Ulrich Zwingli im Rahmen des Marburger Religionsgesprächs hatte aufgrund des „Abendmahlstreits“ zu keiner Annäherung geführt. Heute kennen sich die beiden Konfessionen nicht nur gegenseitig an, sie leben oft auch unter demselben Dach. Wie z. B. in Mailand, wo im Jahr 1850 Reformierte Schweizer und Lutheraner gemeinsam die christlich protestantische Gemeinde Mailand gründeten. Am Wochenende des 14. und 15. September begingen die Mitglieder gemeinsam den 500. Jahrestag der Reformation Zwinglis.

Sich dasselbe Dach und dieselben zwei leeren Glockentürme zu teilen (Kaiser Franz Joseph wollte nicht, dass die Andersgläubigen, denen er zwar Religionsfreiheit zugesichert hatte, allzu auffällig nach ihren Glaubensbrüdern riefen), heißt nicht unbedingt, sich auch zu kennen und so nutzten beide Gemeinschaften eine eigens aus Zürich nach Mailand geholte Ausstellung und die Vorführung eines Films über Zwingli und seine Reformation, um sich und auch die Geschichte der Reformatoren besser kennenlernen.

Die Wander-Ausstellung in der Kirche der Gemeinde CCPM in Mailand, die Pfarrerin Anne Stempel De Fallois über die Reformationsbotschafter der reformierten Kirche der Schweiz Christoph Sigrist und Catherine McMillan inhaltlich vorbereiten und nach Mailand holen konnte, ging tatsächlich weit über Zwingli und Luther hinaus. Erstellt worden war  sie anlässlich der 26. Generalversammlung der reformierten Weltgemeinschaft im Reformationsjubiläumsjahr 2017 von Margit Ernst-Habib unter dem Namen: Global Players für Gott und die Welt / Global Players for God and World, diachron vom 12. bis 21.Jahrhundert erzählt sie vom globalen Network der Glaubenden in Bildern, Geschichten und Gedanken.

Die noch bis Oktober in Mailand ausgestellten Tafeln führen auf einen interessanten Streifzug durch die unterschiedlichen Reformationsbewegungen und auch durch ihre Spaltungen.  Vom 12. Jahrhundert (Pietro Valdes, John Wycliff, Jan Hus…) über die Reformatoren des 16. Jahrhunderts bis zur jüngsten Entwicklung und der Ausbreitung des Protestantismus in Südamerika, Indien oder Kuba. Historisch weniger aufgearbeitet, aber dafür nicht weniger interessant ist die Geschichte der Frauen der Reformation, wie Jeanne d´Albret oder Marie Dentière. Letztere stellte in einem Brief die provokatorische Frage, ob es ein Evangelium der Männer und eines der Frauen brauchte. Auch den Frauen im Schatten der Reformatoren, wie Anna Zwingli, Katharina Luther oder Wibrandis Rosenblatt, im 16. Jahrhundert nacheinander mit drei Reformatoren verheiratet, ist eine Tafel gewidmet. Auf zwanzig Tafeln kann natürlich eine so umwälzende historische Begebenheit wie die Reformation und ihre Entwicklung bis heute nicht zur Gänze dokumentiert werden, aber sie geben einen Überblick, wecken Fragen, sind Ausgangspunkt einer vertieften Recherche, die jeder Besucher aufgerufen ist, für sich selbst weiterzuführen.

Am Abend trafen Reformierte, Lutheraner und am Thema Interessierte wieder in der Kirche zusammen, um gemeinsam den Schweizer Film „Zwingli“ anzuschauen, original in Schwyzerdütsch mit deutschen Untertiteln. Ein Film, dem es vielleicht an theologischer Tiefe fehlt, der aber einem breiten Publikum die Reformation und die Person Zwinglis nahebringt. Die Aufführung war von der Vereinigung „Cinema e diritti (Kino und Rechte) von Antonello Ghezzi und Lele Jandon arrangiert worden.

Zwingli und seine Theologie standen auch im Mittelpunkt des Gottesdienstes am Sonntag, den Reformierte und Lutheraner gemeinsam feierten. Höherpunkt ein von Pfarrerin Anne Stempel De Fallois geschriebener fiktiver Dialog zwischen Ulrich Zwingli, überzeugend dargestellt von Kirchenrätin Liliana Maletti , Pfarrer Johannes De Fallois hatte hingegen mit kräftiger Stimme Martin Luthers Wortgewalt zum Leben erweckt. Als Themen durften Abendmahl, Fasten und (Volks)Sprache nicht fehlen, ausgeklungen ist die Debatte mit einem gemeinschaftlichen Bekenntnis: „Ecclesia semper est reformanda – riforma continua“.

Ein vor allem für die reformierten Gemeindeglieder und die am Gottesdienst teilnehmende Schweizer Vizekonsulin, Jocelyne Berset, anrührender Moment: das Singen der Schweizer Nationalhymne, „Trittst im Morgenrot daher“ und die Klänge des von Pietro Germano  gespielten Alphorns, die auch das an den Gottesdienst anschließenden Beisammensein im Garten der Kirche begleiteten.

Für das Konsistorium nahm die Vizepräsidentin und gesetzliche Vertreterin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, Cordelia Vitiello an den beiden Zwingli-Tagen teil.

Aus Florenz und Triest war je eine Delegation der dortigen reformierten Gemeinden angereist: Francesca Paoletti und Jörn Lahr mit Pfarrer Raffaele Volpe (Florenz) sowie Maura und Armando Costessi (Triest). Auch in diesen beiden Städten teilen sich Reformierte und Lutheraner eine Kirche. In Florenz auf Dauer, in Triest während der Renovierungsarbeiten der Kirche der reformierten Gemeinde.

Was vor 500 Jahren nicht gelungen ist, ist heute Selbstverständlichkeit, dies zeigte auch der Abschluss des Mailänder Zwingli-Jubiläums: Reformierte und Lutheraner Seite an Seite in geselliger Runde bei Schweizer Wurst, deutschem Kartoffelsalat und italienischem Wein. Riforma continua.

Am Zwingli-Wochenende wurde auch ein schüchterner Traum geboren: Am 6.Dezember werden in Zürich einige der Zwingli-Statuen versteigert, die seit August und noch bis November das Stadtbild beherrschen. Vom Sockel gestiegene und sich unters Volk mischende Zwinglis in Version 2.0, mit Monopoli-Spiel und 500-Frankenscheinen unter dem Arm, in Version Klima-Zwingli und anderes mehr. Im Garten vor der Kirche in Mailand bekäme er einen Ehrenplatz!

nd

 

Ulrich Zwingli

Geboren am 1. Januar 1484 in Wildhaus, gestorben am 11. Oktober 1531 in der Schlacht in Kappel am Albis.

Ulrich Zwingli, Sohn eines wohlhabenden Bauern, Studium der Künste und der Theologie in Basel, Bern und Wien. Von 1506 bis 1516 (noch romtreuer) Pfarrer in Glarus, zwischen 1512 bis 1515 war er als Feldprediger an den Feldzügen der Italienischen Kriege, insbesondere an der Schlacht bei Marignano, der Glarner für den Papst gegen die Franzosen in der Lombardei beteiligt. Von 1516 – 1519 war er Leutpriester im Kloster Einsiedeln, von 1519 – 1531 Leutpriester in Zürich. Berits in den letzten Jahren in Glarus hatte eine Zeit der intensiven Lektüre eingesetzt, die Zwingli einen neuen Zugang zur Bibel finden ließen, die Grundlage für seine Reform.

In Zürich beginnt er mit Rückhalt der Stadtregierung auf schwyzerdütsch zu predigen und das Evangelium somit allgemein verständlich für jedermann auszulegen. Intensive Lektüre und Studien (u. a. Luther, Melanchthon, Erasmus von Rotterdam…) führten Zwingli in Kontrast mit der Glaubenspraxis der katholischen Kirche ebenso wie seine Kritik an Ablass, Zölibat, Fastenpraxis und dem Reichtum des Klerus und der Klöster.

In enger Zusammenarbeit mit Leo Jud übersetzte Zwingli zwischen 1524 und 1529 die komplette Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen in die eidgenössische Kanzleisprache, fünf Jahre vor Luthers Bibelübersetzung. Die Zürcher Bibel ist somit die älteste protestantische Übersetzung der gesamten Bibel.

Die drei Zürcher Disputationen fanden zwischen 1523 und 1524 auf Betreiben der Dominikaner statt. Vor großem Publikum musste Zwingli seine 67 Thesen gegen den Vorwurf der Ketzerei verteidigen. Im Zentrum standen der Bilder- und Heiligenkult, die Messe, das Fasten und das Zölibat. Die Reformation in Zürich hatte nicht nur einen religiösen Charakter, sondern direkte politische Auswirkungen. Unter dem Einfluss Zwinglis ordnete der Rat der Stadt das Schul-, Kirchen- und Ehewesen neu, gab Sittengesetze heraus und führte eine Armenspeisung ein. Zwingli hatte zwar kein politisches Amt, aber großen Einfluss. Er lehnte Luthers Zwei-Staaten-Lehre ab, für ihn standen Staat und Kirche in engem Zusammenhang. Während Luther darauf aus war, Missverhältnisse wie etwa den Ablasshandel in der Kirche abzuschaffen, akzeptierte Zwingli nur eine Kirche, die in allem auf der Bibel begründet war. Eine Kirche des Wortes, in der (zumindest am Anfang) auch die Musik keinen Platz hatte. 1531 kam es zu einem Religionskrieg in der Eidgenossenschaft, dem Zweiten Kappelerkrieg zwischen Zürich und den katholischen Kantonen Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug. Eine Einigung mit den anderen reformatorischen Kräften war nicht zustande gekommen. Ulrich Zwingli wurde am 11. Oktober 1531 in der Schlacht gefangengenommen gefoltert und getötet, seine sterblichen Reste gevierteilt, verbrannt und in alle Winde verstreut. Heinrich Bullinger trat Zwinglis Nachfolge an und konsolidierte den reformierten Glauben.

nd