Heiner Bludau: “Was die Migranten betrifft, muss die EU Kurs wechseln”

Die Menschenrechte dürfen nicht missachtet werden. Diesen Menschen zu helfen, ist eine moralische Pflicht, aber das Gewicht der Flüchtlingshilfsmaßnahmen darf nicht nur auf den Anrainerländern des Mittelmeeres lasten. Ganz Europa ist in die Pflicht gerufen.“ Heiner Bludau, Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, ELKI, begrüßt die vom Vorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford-Strohm lancierte Initiative, ein Schiff ins Mittelmeer zu entsenden, um zu den Rettungsmaßnahmen im Mittelmeer beizutragen. „Ich bin damit einverstanden“, erklärt Bludau gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur Adnkronos und betont, dass „diese Initiative in keinster Weise daraufhin zielt, sich in innenpolitische italienische Angelegenheiten einzumischen.“

Im Gegenteil, die Entscheidung von Bischof Bedford Strohm sei vielmehr als Antwort auf folgende Frage zu verstehen: „Wie können wir konkret, d. h. mit Taten und nicht nur mit Worten etwas für diese Flüchtlingen tun?“ Eine Frage, die sich die evangelische Kirche in Deutschland schon seit langem stellt, so Bludau. Es gehe also keineswegs darum, politische Auseinandersetzungen zu schüren, sondern sich vielmehr darüber klar zu sein, „dass es unumgänglich ist, Menschen in Not zu helfen und dass die Menschenrechte nicht einfach so beiseitegeschoben werden können!“ Das Flüchtlingsproblem betreffe ganz Europa. „Alle Länder Europas sind aufgerufen, diese Menschen aufzunehmen und an einer Lösung zu arbeiten, um sie gerecht aufzuteilen. Das ist eine Aufgabe, die nicht nur den Mittelmeeranrainern überlassen werden kann, die bisher die Hauptlast getragen haben.“

Und die Maßnahmen der vorherigen, Lega-M5S Regierung in Sachen Migranten? „Ich möchte keine politischen Erklärungen abgeben, aber ich hoffe, dass Italien jetzt den Dialog mit Europa suchen wird, dass sich etwas ändern wird, und nicht nur hier in Italien. Ohne die Beteiligung und Zustimmung aller europäischen Staaten gibt es kein Vorankommen. Die Flüchtlinge müssen Aufnahme finden, aber natürlich nicht nur in Italien.“ Die Rettung der Menschen in Seenot oder die humanitären Korridore seien nur eine Seite der Medaille, eine Not-Lösung. „Eine langfristige Strategie kann nur daraufhin arbeiten, dass diese Menschen sich gar nicht erst auf die Flucht begeben müssen. Und um die Flucht aus Afrika zu begrenzen, müssen die dortigen Lebensbedingungen geändert werden. Eines steht jedenfalls fest: diese Menschen einfach auf See warten zu lassen, auf der verzweifelten Suche nach einem sicheren und aufnahmebereiten Hafen, ist mit Sicherheit keine Lösung für das Phänomen der Migration.“

(Quelle: adnkronos, von Rossana Lo Castro, veröffentlicht am 12.9.2019/ 20.10 Uhr – Übersetzung nd)