Genua: Gedenktafel für Ulrich von Hassell

Gemeinde Genua gedenkt ihres früheren Mitglieds – Hingerichtet nach Hitlerattentat

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind“ (Sprüche, 31,8). Unter diesem Motto stand die Enthüllung einer Gedenktafel anlässlich des 75. Todestages von Christian August Ulrich von Hassell an der Kirche der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Genua/ Nervi. Von Hassell (12.11.1881 – 8.9.1944) war von 1911 – 1914 deutscher Vize-Konsul in Genua und Mitglied der Gemeinde.

Von Hassell entstammte einem alten preußischen landsässigen Adelsgeschlecht, er war konservativ und deutschnational geprägt. Seit 1909 im diplomatischen Dienst war er 1917 Gründungsmitglied der nur ein Jahr später wieder aufgelösten Vaterlandspartei und wurde anschließend Mitglied der deutschnationalen Partei; 1933 trat er der NSDAP bei. Von 1932 bis 1938 war er Botschafter des deutschen Reichs in Rom. Nach der Ernennung von Ribbentrops zum Außenminister wurde er von Adolf Hitler nach Deutschland zurückgerufen. Von Hassell blieb aber weiterhin im diplomatischen Dienst. Unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 war er Leiter einer Delegation, die den Auftrag hatte, Befürchtungen der nordeuropäischen Regierungen über einen bevorstehenden deutschen Überfall zu zerstreuen.

Nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs erkannte von Hassell nur zu bald die wahre Natur des Nazi-Regimes und war als Mittelsmann zwischen den verschiedenen, konservativ geprägten Widerstandsgruppen, meist Militärangehörige, in Putsch-Pläne gegen Hitler eingebunden, überzeugt, dass er – auch dank seiner Position – von innen gegen das Regime vorgehen könnte. Im Laufe des Jahres 1943 distanzierte sich der Diplomat zumindest von den konkreten Aktivitäten der Verschwörer und war auch nicht über die Einzelheiten des von der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Kreisauer Kreis) vorangetriebenen Vorhaben eines Bombenattentats gegen Adolf Hitler informiert. Bei Gelingen des Staatsstreiches hätte er Außenminister der neuen Regierung werden sollen.

Am 29. Juli 1944 wurde er wegen seiner Verstrickung in den Attentatsversuch von Graf Stauffenberg von der Gestapo verhaftet und am 8. September nach zweitägiger Verhandlung vor dem Volksgericht unter Vorsitz von Roland Freisler zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde nur zwei Stunden später in der Haftanstalt Plötzensee mit einer Drahtschleife vollstreckt. Zusammen mit ihm starben Georg Alexander Hansen, Paul Lejeune-Jung, Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, Günther Smend und Josef Wirmer. Aus mehreren Tagebucheinträgen geht hervor, dass Ulrich von Hassell über den Holocaust informiert war. Er spricht von Greueltaten und schamlosem Verhalten gegen die Juden. Seine Tagebücher, 1938 – 1944, sind ein beeindruckendes Zeitzeugnis und sprechen von Zwiespalt und Verantwortung gegenüber dem Vaterland (Die Hassell-Tagebücher 1938-1944, Aufzeichnungen vom andern Deutschland, Siedler Verlag).

Die Gedenktafel an der Kirche in Genua wurde am Sonntag, 8. September im Anschluss an den Gottesdienst (Beginn 10.30 Uhr) enthüllt. Der jüdische Musiker Eyal Lerner begleitete den Festakt mit seinem Akkordeon.

Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Genua möchte mit dieser Aktion zum einen ihres ehemaligen Mitglieds gedenken, dessen Leben ein typisches Schicksal des Dritten Reichs darstellt und gleichzeitig ein Zeichen setzen, um die Erinnerung an die Geschichte und die Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts wachzuhalten. Von Hassell war wie so viele seiner Zeit- und Standesgenossen zunächst in den Bann Hitlers geraten, ist dann aber nach Kriegsbeginn, ohne deshalb seine konservative und deutschnational geprägte Grundeinstellung zu verleugnen, aus Sorge um sein Vaterland und in Ablehnung der antisemitischen, menschenfeindlichen und zynischen Politik des diktatorischen Regimes in einen kritischen Abstand zu Hitler getreten, eine Haltung, die er mit dem Leben bezahlt hat.

nd