Pfarrehepaar Müller – Glaser kehrt von Florenz nach Deutschland zurück

Evangelisch profiliert und ökumenisch offen

Fünf Jahre, ein halbes Jahrzehnt. Eine Zeit, in der man Wurzeln schlagen kann, Erfahrungen sammeln, Spuren hinterlassen und ein Kind aufwachsen sehen. Vor fünf Jahren kamen Franziska Müller und Friedemann Glaser zusammen mit dem 15 Monate alten Felix nach Florenz, nun gehen sie in ihre Heimat Württemberg, ins schwäbische Allgäu, zurück. Pfarrer Glaser übernimmt die Gemeinde Kißlegg im Allgäu, Franziska Glaser wird Klinikseelsorgerin in den Fachkliniken in Wangen.

Eine neue Gemeinde in Deutschland übernehmen ist nicht dasselbe wie eine Gemeinde im Ausland. Das Sprachproblem, wenn auch für einen evangelischen Pastor, dessen Werkzeug die Sprache ist, nicht unerheblich, ist bei einer Auslandsstelle noch das kleinste Problem. Es heißt, sich flexibel auf Sitten und Gewohnheiten des neuen Landes einzustellen, auf bunt zusammengewürfelte Gemeinden, nicht selten auch auf große Entfernungen. Die Gemeinden der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien leben zudem eine Diaspora-Situation, die gelebte Ökumene zur alltäglichen Erfahrung macht. Am Sonntag, 1. September sind Franziska Müller und Friedmann Glaser von Dekan Heiner Bludau offiziell aus dem Dienst in der ELKI verabschiedet worden. Franziska Müller, auf der Synode 2018 zur Vizedekanin gewählt, hat ihr Amtskreuz an ihre Nachfolgerin Kirsten Thiele, Pfarrerin in Neapel, übergeben. Ein Gespräch zum Abschied.

Frau Müller, Abschied und Neuanfang. Wie geht man damit um?

Franziska Müller: Wir haben viel erlebt in den vergangenen Jahren, und konzentriert noch einmal in den letzten Wochen, so dass ich jetzt das Bedürfnis habe, mich in Ruhe hinzusetzen und zu sortieren. Die vielen Bilder und Eindrücke im Kopf und die tatsächlichen Fotos. Ein doppeltes „Album“ anlegen, eines der Erinnerungen und eines der greifbaren Bilder…

Abschied nehmen ist ein definitiver Schritt.

Franziska Müller: Wir haben uns Zeit genommen für unseren Abschied. Es ging ja nicht nur darum, Abschied zu nehmen von der Gemeinde, von den Menschen, die uns die letzten fünf Jahre anvertraut waren, die uns, die wir begleitet haben, sondern auch von allem, was es darum herum noch gab. Das Abschiedsfest in der Gemeinde ist uns natürlich besonders zu Herzen gegangen. Wir waren gerührt, wie viele Menschen gekommen sind, zum Teil mit weiten Anreisen, auch von außerhalb der Gemeinde, aus der ganzen ELKI und der Florentiner Ökumene… Daneben gab es auch andere Abschiede – ein Fest mit dem Chor und den evangelischen Florentiner Gemeinden, im jüdischen Kindergarten, den unser Sohn drei Jahre besucht hat, ein letztes Mal die verschiedenen regelmäßigen Veranstaltungen, viele ‚letzte‘ Cafés, Gespräche, Umarmungen. Sie zeigen, wie dicht und vielfältig unsere Begegnungen hier waren.

Familie Mu╠êller GlaserÖkumene hat in Italien eine andere Dimension als in Deutschland?

Franziska Müller: Ja, und es hat mich immer wieder gefreut, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Kontakte gepflegt werden. Die Begegnungen mit den Mitgliedern des Priesterseminars, mit Adventisten, Methodisten, mit Waldensern und mit der jüdischen Gemeinde wären so in Deutschland kaum möglich gewesen. Und wir waren immer wieder gefordert, zu überlegen, zu erklären und vorzuleben, warum wir Lutheraner sind und was wir als Lutheraner für das gemeinsame Ganze in der Toskana, Emilia-Romagna und den nördlichen Marken beitragen können.

Friedemann Glaser: In der Diasporasituation kommt eine Charakteristik zutage, die mir persönlich sehr am Herzen liegt und die ich auch in meiner neuen Gemeinde, in Kißlegg, wo das Verhältnis Katholiken Protestanten immerhin auch bei 5:1 liegt, ebenfalls leben möchte: evangelisch profiliert und ökumenisch offen sein.

Was waren für Sie die größten Überraschungen in Ihrer Arbeit hier in der ELKI?

Franziska Müller: Mich hat die Vielfalt der Prägungen, Bedürfnisse und Interessenslagen, die uns begegnet sind, am meisten überrascht. In unserer Gemeinde begegnet man ganz unterschiedlichen Biographien, Menschen, die bunt zusammengewürfelt sind, die Deutsch, Italienisch, Englisch oder noch andere Sprachen sprechen, jeder mit seinen ganz eigenen Erwartungen. Darauf heißt es sich einstellen. Und mehr noch erlebte ich dies im Blick auf die gesamte ELKI, eine Kirche, die über ein regional so unterschiedliches Land verteilt ist…

Friedemann Glaser: Ich war sehr vom Zusammenhalt dieser Gemeinden beeindruckt. Ihre Solidarität und das gegenseitige Interesse aneinander. Jede Gemeinde ist ja in gewissem Sinne eine Welt für sich, hat ihre ganz besonderen Charakteristiken, ihre ganz eigene Gemeindegliederstruktur. Das erlebt man so in Deutschland sicher nicht. Die tiefe Verbundenheit in der Verschiedenheit und über den gemeinsamen Nenner: den evangelisch-lutherischen Glauben.

Frau Müller, Sie haben vorhin von Bildern gesprochen. Welche fallen Ihnen spontan ein?

Franziska Müller: Die vielen, vielen Begegnungen und Aktivitäten in und mit der Gemeinde, von denen es oft gar keine Fotos gibt. Die gibt es dann natürlich von den besonderen ‚Highlights‘, den Gemeindefahrten, der Ausstellungseröffnung anlässlich des 500 Jahre Jubiläums der Reformation in den Uffizien, der Einweihung des Martin Luther Gartens vor unserer Kirche. Ich bin gespannt, welche Bilder ich in einer ruhigen Stunde wiederentdecken werde.

Und Ihre neue Tätigkeit?

Franziska Müller: Die Arbeit in einer Gemeinde ist sehr vielseitig, wenn dann noch wie in meinem Fall als Vizedekanin die verschiedenen Aufgaben ELKI-weit dazukommen, wird es wirklich bunt – und zugleich herausfordernd. In meiner neuen Tätigkeit als Klinikseelsorgerin werde ich Kinder, Jugendliche und deren Eltern begleiten, die teilweise Wochen und Monate in der Klinik sind. Da ist dann sehr viel mehr Zeit für den Einzelnen, für tiefe Begegnungen, einfach Dasein. Und, weil es wieder eine halbe Stelle sein wird, hoffentlich auch mehr Zeit für meinen Sohn, meinen Mann und unsere Freunde.

Friedemann Glaser: Ich werde meine Erfahrungen in Florenz auch in meine neue Gemeinde einbringen können. Wie bereits gesagt, auch Kißlegg ist eine Diaspora Gemeinde. Eine ländliche Gemeinde, das ist auch ein geschützterer Raum für unseren Felix, der jetzt in die Erste Klasse gehen wird. Nach der Erfahrung in Italien, dem Bewusstsein, vor wie viele Herausforderungen das tägliche Leben die Menschen in Italien stellt und wie sie ihr Leben meistern, wird es eine ruhigere Zeit. Ich bin schon sehr gespannt. Kißlegg ist die erste Gemeinde, die in Deutschland die Auszeichnung „Grüner Gockel“ erhalten hat, eine sehr aktive, aber nicht enge, sondern sehr kreative Gemeinde, die das Umweltengagement im Sinne von schöpfungsgemäßem Leben lebt, gute Nahrung, saisonal, biologisch und lokal.

nd