Kunst und Wert des Ausruhens - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Kunst und Wert des Ausruhens

Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein (Jes 30,15)

Schon lange ist Sommer; heuer ein besonders heißer. In Italien – aber wohl auch in vielen anderen Ländern Europas – ist der August der Ferienmonat par excellence. Ferragosto waren die von Kaiser August 29 v. Chr. ausgerufenen Ferientage in August. Man sollte an diesen Tagen ruhen und feiern und des Sieges über Ägypten gedenken.

Verordnete Ruhe? Du sollst dich unterbrechen, so übersetzt Dorothee Sölle das dritte Gebot, „du sollst den Sabbat heilig halten“.

Es ist eigenartig, wir sehnen uns – vor dem Hintergrund der Anspannung des modernen Alltags nach Ruhe, Entlastung, Erholung. Aber dann, wenn sie da sind „müssen“ wir gleich irgendetwas machen, wohin fahren oder etwas planen.

Still sein zu können, in Ruhe ein Buch zu lesen oder einmal wirklich nichts zu tun, zu faulenzen, scheint den meisten Menschen nicht zu liegen. Und doch gibt es inzwischen viele Studien, die belegen, dass Phasen längerer Ruhe, des untätig Seins, unumgänglich sind, wenn der Mensch sich geistig und körperlich wohl fühlen soll und kreativ und leistungsfähig bleiben will.

‚Gönn’ dir genug Ruhe; ein ausgeruhter Acker trägt reiche Frucht“ hat schon Ovid erkannt und Bernhard von Clairvaux lädt uns dazu ein, ‚uns immer wieder für längere Zeit uns selbst zu gönnen‘.

In einer Zeit der Schnelllebigkeit und der Hektik sind Ruhe, Stille und Warten wichtige Alternativen; ein Zeugnis dafür, dass das Wesentliche im Leben nicht erlaufen, sondern erwartet werden darf und muss.

Ich wünsche und gönne Ihnen und mir, dass wir in kleinen Auszeiten, die der Alltag, der Sonntag, aber eben besonders auch der Urlaub bieten, erfahren können, wie kostbar es ist, eine längere Zeit still zu sein, nichts zu tun, im Wald zu sitzen, aufs Meer zu schauen, zu lauschen.

Georg Reider, Evang Pfarrer in Venedig