Synodalpräsident Schedereit: ELKI ist brückenbauend und völkerverbindend

Die Übereinstimmung von Glauben und Handeln, das ist für Synodalpräsident Georg Schedereit die zukunftsweisende evangelisch-lutherische Verpflichtung. Von der 70-Jahr-Synode der ELKI erwartet er sich neben Entscheidungen und Diskussionen mit Gästen wieder einen fruchtbaren Austausch konkreter Anregungen unter den 55 Synodalen (32 Frauen); 14 Synodale sind ordiniert, davon sechs Pfarrerinnen.

Zusammen vertreten sie die 15 evangelisch-lutherischen Gemeinden Italiens im Kirchenparlament, dem obersten Organ der Kirchenleitung. Wie auf der Synode, so sind die nicht-ordinierten Synodalen auch im gewählten Exekutivorgan immer in der Mehrheit: im fünfköpfigen Konsistorium, mit dem Dekan als leitendem Geistlichen und Oberhaupt der ELKI, der die Kirche auch nach außen vertritt.

Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Kennzeichen dieser kleinen Kirche im Vergleich zu anderen?

Georg Schedereit: Keine andere Kirche Italiens ist so demokratisch und dezentral verfasst. Sie ist auch die einzige Kirche Italiens, die dem Lutherischen Weltbund angeschlossen ist. Zu unseren besonderen Kennzeichen gehört auch das, was ich bei der Synode 2018 als „unsere Beheimatung in bi-lingualer und bi-kultureller Bildung“ bezeichnet habe. Diese befähigt uns zum grenzüberschreitenden Brückenbauen zwischen unserem italienischen Umfeld und dem deutschsprachigen Raum. Die ELKI und ihre Gemeinden tragen ihr Scherflein dazu bei, dass sich mediterrane und nördliche Christenfamilien besser verstehen.

Neben Demokratie und Doppelsprachigkeit ein Wort zur Diaspora-Situation. Empfinden Sie diese als Defizit?

Georg Schedereit: Keinesfalls. Im Gegenteil. Wir leben eine doppelte Minderheitensituation und das ist kein Defizit, sondern eine sinnstiftende Chance: Unsere Doppelsprachigkeit und Verwurzelung in unterschiedlichen Bekenntnisräumen. Gleichzeitig sind wir eine italienische Kirche, sind wir Europäer. Das ist völkerverbindend. Nicht zuletzt haben wir das ja auch ganz bewusst im zweisprachigen Motto unter dem unsere Synode steht, zum Ausdruck gebracht: Glaube und Handeln – Fede e Futuro.

Die ELKI ist überaus aktiv in der Diakonie, in der Flüchtlingshilfe, mit kulturellen Projekten, Projekten für Bedürftige, aber sie ist natürlich auch eine kleine Kirche, mit begrenzten Mitteln…

Georg Schedereit: Den diakonischen Auftrag sehe ich als Teil des Priestertums aller Gläubigen. In gewisser Hinsicht mögen das nur Tropfen auf den heißen Stein sein. All diesem Tun liegt eine Wahl zugrunde: wo setze ich mich ein, für wen und wie? Das quält auch. Wir Lutheraner machen es uns nicht leicht, mit der Freiheit eines Christenmenschen, weil wir uns den Herausforderungen der Gegenwart stellen, auch oder besser gerade als Kirche! Da spielen Gottvertrauen, Gebet, Gemeinnützigkeit unseres Tuns eine große Rolle. In gewisser Hinsicht auch das auf dem Glauben aufbauende Vertrauen in die Zukunft. Es ist nicht leicht heute Vertrauen zu haben, in einer Welt, in der nationalistische und populistische Demagogen ärgste Befürchtungen wecken, eingedenk vielfältigen Versagens in den Zwanziger und Dreißiger Jahren. Aber indem ich mich als Kirche, als gläubiger Mensch öffne und engagiere und auch durch mein Handeln Protest ausdrücke, lebe und nähre ich Vertrauen, dass wir uns „von guten Mächten wunderbar geborgen“ fühlen dürfen.

Im Rahmen der Synode wird auch ein Jubiläum begangen: 70 Jahre ELKI

Georg Schedereit: Vor 70 Jahren verabschiedete die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien die Verfassung der ELKI. Das war der Grundstein zu dem, was wir heute sind. Das sind 70 Jahre dichtester europäischer Geschichte. Und wir, die ELKI, ist ihren Weg darin gegangen, hat Spuren hinterlassen und ist gezeichnet von diesen 70 Jahren.

Das Motto der Synode, Glaube und Handeln – Fede e Futuro, nimmt in die Pflicht…

Georg Schedereit: Genau. Uns als Kirche und jeden Einzelnen von uns als Christen. Wie man auf Italienisch so schön sagt: predicare bene e razzolare male – schön reden und keine Taten folgen lassen. Nein! Hier sind wir gefordert. Auch Jesus ist nicht durch Anpassung an den Mainstream aufgefallen. Ich sage nicht, dass das leicht ist!

Sie haben mit Peter Pavlovic von der Konferenz der Europäischen Kirchen und Lothar Vogel, Professor für Geschichte des Christentums, zwei kritische Denker zur Synode eingeladen.

Georg Schedereit: Ich erwarte mir sehr viele Impulse von der Podiumsdiskussion am zweiten Tag der Synode, an der ja auch unsere gesetzliche Vertreterin Cordelia Vitiello teilnimmt, die als Ratsmitglied des Lutherischen Weltbundes sicher Interessantes zu berichten weiß. Pavlovic und Vogel sind kritische protestantische Geister. Von ihnen erhoffe ich mir z. B. Anregungen zur Auslegung Luthers: Einerseits sagt er, es kommt nicht auf die „Werke“ an, andererseits fordert er den Christenmenschen sehr wohl zum Handeln auf. In dieselbe Richtung zielte ja auch der Reformator Ulrich Zwingli vor 500 Jahren in Zürich: „Christsein heißt nicht nur reden von Christus, sondern wandeln wie er gewandelt ist.“ Oder nehmen wir den reformierten Theologen Karl Barth. Er sagte, der Weg zur Freude führe durch das Leid, nicht am Leid vorbei. Das ist, was ich unter Glauben und Handeln verstehe. Die Übereinstimmung von Glauben und Handeln ist für mich als Synodalpräsidenten auch in Italien DER Maßstab für die Glaubwürdigkeit jeder Kirche – und für jeden einzelnen.

 

nd