Prof. Vogel: Glaube und Handeln

VogelProf. Lothar Vogel lehrt Geschichte des Christentums an der Theologischen Fakultät der Waldenser in Rom. Zusammen mit Peter Pavlovic, Studiensekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, KEK, und Cordelia Vitiello, gesetzliche Vertreterin der ELKI und Rats-Mitglied des Lutherischen Weltbundes, wird er am 26. April um 11.30 Uhr an einer Podiumsdiskussion zum Thema der Synode, „Glauben und Handeln – Fede e Futuro“ teilnehmen. Nachstehend ein paar Gedanken Vogels zum Thema Glauben und Handeln:

„Im Jahre 1520 veröffentlichte Martin Luther den Traktat Von der Freiheit eines Christenmenschen, in dem er zum Verhältnis von Glauben und Handeln Stellung bezog. Der erste Teil dieser Schrift erläutert die Freiheit des „inneren Menschen“ bzw. der „Seele“: sie steht in einem unmittelbaren Verhältnis zu Gott, der sie rechtfertigt, und kein irdisches Tun, und sei es rituell-religiöser Art, kann in diese Beziehung eingreifen. Anschließend jedoch kommt Luther auf den „äußeren Menschen“ und die „Knechtschaft“ zu sprechen, in der er sich befindet. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Auslegung des Römerbrief-Wortes: „Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst“ (Römer 12,1). Vom „Christenmenschen“ sagt Luther daher: „so bleibt er doch noch in diesem leiblichen Leben auf Erden und muss seinen eigenen Leib regieren und mit Leuten umgehen. Hier fangen nun die Werke an“ (WA 7, S. 30).

Christliches Handeln ist also strikt leiblicher Natur. Dies bedeutet zuerst, dass dieses Handeln „weltlich“ ist und sich als „vernünftiger Gottesdienst“ (wie sich Paulus ausdrückt) gerade nicht durch religiöse Konnotationen auszeichnet. Christenmenschen sind berufen, in dieser Welt zu handeln, wie alle anderen Menschen auch, ohne sich ihnen moralisch überlegen zu fühlen, gemeinsam mit ihnen und in Respekt ihnen gegenüber. Inhaltlich unterscheidet Luther zwei Dimensionen: die eine ist auf den Handelnden selbst, die andere auf die „Leute“, d.h. den/die Nächste(n) bezogen. Was die erste Dimension betrifft, so spricht Luther anschließend von Selbstkontrolle und Askese. Der Christenmensch soll also die Begrenztheit anerkennen, die der leiblichen Existenz auferlegt und deren beängstigender Charakter in jener Freiheit aufgehoben ist, von der der erste Teil des Traktates spricht. Eben deshalb ist er/sie auch in der Lage, den/die Nächste(n) in seiner/ihrer Leiblichkeit wahrzunehmen, als Seinesgleichen mit ebenbürtigen Bedürfnissen und Fähigkeiten anzuerkennen, von wo er/sie auch kommt, und ihn/sie zu „lieben“, d.h. seine/ihre Existenz unbedingt anzuerkennen.  All dies erfordert auch, dass der Christenmensch dabei im Auge hält, wie gerade die Leiblichkeit ihn/sie in die geschöpfliche Welt hineinstellt: als Leib lebt der Mensch auf Dauer nur dann gut, wenn dasselbe auch für seine Um-Welt gilt.

Im Grunde fasst Luther hier eine Überwindung jener Spannung ins Auge, die nach Thomas Hobbes zwischen den Maximen homo homini lupus („einer ist dem anderen Wolf“) und homo homini lepus („einer ist dem anderen Hase“, d.h. hat Angst vor ihm) besteht und die Menschen dazu verführt, in zerstörerischer Weise Macht und Ressourcen, auch religiöser Art, auf sich zu konzentrieren. Vor 100 Jahren hat der reformierte Pfarrer Karl Barth in seinem Kommentar Der Römerbrief die Auslegung von Römer 12 ebenfalls auf die Leiblichkeit menschlicher Existenz hervorgehoben und den von Paulus geforderten „Gottesdienst“ von gängiger religiöser Praxis unterschieden (Nachdruck EVZ, Zürich 1963, S. 350). So bleibt auch uns die Aufgabe, die Leiblichkeit unserer Existenz und die Weltlichkeit dessen, was uns im Glauben auferlegt ist, im Blick zu behalten.“

Prof. Lothar Vogel. Foto: Lukas Chranach d. Ä “Sündenfall und Erlösung”