Der Schritt in die Unabhängigkeit

Ein weißer Rabe. Zusammen mit dem ehemaligen Pfarrer von Mailand, Joachim Mietz und Paolo Poggioli, Torre Annunziata, ist Jürg Kleemann der dienstälteste Pfarrer der ELKI. Von 1975 bis 1997 als Pastor der Gemeinden Florenz und Venedig und von 1997 bis 2003 von Venedig. Von 1984 – 1998 war er zudem als Vizedekan Mitglied des Konsistoriums und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Intesa 1986 – 2002; dann beratendes Mitglied der Intesa-Kommission. Das Gesetz Nr. 520 vom 29. November 1995 beruht auf der Intesa, dem Vertrag nach art. 8 der ital. Verfassung, der Rechte und Pflichten zwischen Staat und evangelisch-lutherischer Kirche in Italien regelt.

Jürg Kleemann, 1934 in Gauting bei München geboren und nach drei Jahren Jurastudium zur Theologie übergewechselt, ist mit einer Französin verheiratet und lebt seit seiner Pensionierung zwischen Fiesole und der Provence.

Sie haben über dreißig Jahre als Pfarrer für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien gearbeitet. Eine absolute Rarität!

Jürg Kleemann: Ja, ich bin ein weißer Rabe, oder einer von wenigen. Aber das ging damals auch nicht anders. Anders wäre die Intesa, die der ELKI und ihren Gemeinden in Italien den Status als anerkannte kirchliche Körperschaften verlieh, kaum zu erreichen gewesen. Die Pfarrer, die damals von der EKD bestellt wurden, blieben selten mehr als sechs Jahre. Zu wenig Zeit, um die Sprache zu erlernen und um einen Einblick in die italienischen Rechtsverhältnisse zu bekommen.

Aber dazu später. Sie haben ihren Dienst 1975 angetreten?

Jürg Kleemann: Genau, das war in Florenz an Ostern. Später kam auch  auch die Gemeinde Venedig dazu. Eigentlich fing meine Dienstzeit unter einem schlechten Stern an.

Sie meinen, Sie hätten nie gedacht, dass daraus eine Lebenstätigkeit wird?

Jürg Kleemann: Gewiss nicht. Es sah nach absterbendem Ast aus. Die rein deutschsprachige Ausrichtung begann Probleme zu bereiten. Mitgliederschwund. Zudem schien es damals, dass sich die EKD, von der wir ja abhingen, auf die Gemeinden Rom, Mailand, Bozen und Meran konzentrieren wollte.

Zwei Synoden sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben.

Jürg Kleemann: Schon gleich meine erste Synode war signifikant! Edoardo Bachrach war damals Synodalpräsident. Souverän und auf herrlich aufgeklärte Weise protestantisch. Mein Idealbild eines Synodalpräsidenten! Eine weitere Synode, die sich mir eingeprägt hat, war 1984 in Neapel. Auf dieser Synode wurde ich zum Vizedekan gewählt. Eine signifikante Amtseinführung. Es war ein ganz unkomplizierter, ja fast laizistischer Rahmen, der unserer kleinen Kirche entsprach. Synodalpräsidentin war Hanna Franzoi, Joachim Miez war Dekan und wir waren im Gemeindesaal von Neapel zu einem Tisch-Abendmahl versammelt.

Mit ihrer Wahl zum Vizedekan begann das Abenteuer Intesa?

Jürg Kleemann: Mit 1984 begannen die Jahre in denen die Staatsverträge der Waldenser, der Methodisten, der Adventisten, Pfingstkirchen und der Jüdischen Gemeinschaft mit dem Staat ratifiziert wurden. Die ELKI war zu jenem Zeitpunkt eher ein Zusammenschluss von „Auslandsgemeinden“, die wenig Berührungspunkte zum italienischen Umfeld hatten. Wer Zutritt bekommen wollte, musste sich nicht nur mit dem Protestantismus auseinandersetzen, sondern auch die Sprachhürde überwinden.

War der Vertragsabschluss der anderen Glaubensgemeinschaften ein Thema auf der Synode?

Jürg Kleemann: Das kam stärker erst 1986, bei der Synode in Venedig, die mir und wohl auch vielen anderen in Erinnerung bleibt, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes unter der Wolke von Cernobyl stattgefunden hat. Bei dieser Synode gab es eine Arbeitsgruppe, die das Konsistorium aufforderte, in Verhandlung mit dem italienischen Staat zu treten.

Aber?

Jürg Kleemann: Zunächst nichts. Der Antrag wurde abgelehnt, aber das Konsistorium berief eine Arbeitsgruppe ein. Ich sollte sie leiten, weil ich über juristische Grundkenntnisse verfügte. Die Stimmung war skeptisch.

Und dann vergingen wieder einige Jahre

Jürg Kleemann: Mehr als sechs und meine schwersten Jahre. Schon 1988 konnte Prof. Andrea de Gutty der Synode in Viareggio einen Entwurf unserer Arbeitsgruppe um Avv. Luca Segariol vortragen. Mit beiden Juristen hatten Florenz und Triest mutige Freunde. Unser Pech: Wenn wir dem italienischen Ministerpräsidenten die Bereitschaft zu Verhandlungen mitteilten, trat jeweils kurz darauf die Regierung zurück! Allerdings gewannen wir Zeit für juristische und theologische Anregungen. Die Gemeinden fürchteten um den Verlust ihre Autonomie. Umso nützlicher war uns der adventistische Pastor Barbuscia. Die Adventisten waren bereits erfahren mit den 8xMille, und ihre Regelung empfahlen unsere Juristen der Synode 1992. Da hatte Ministerpräsident Giulio Andreotti schon eine paritätische Kommission einberufen, um die Vertragsbedingungen zu prüfen. Für die drei vorbereitenden Sitzungen im Chigi-Palast musste die ELKI-Kommission „italienischer“ besetzt werden. Gaetano Marullo aus Torre Annunziata, Vizepräsident der Synode, bekam Riccardo Bachrach und Joachim Sottriffer zur Seite, die Delegation leitete Synodalpräsidentin Hanna Franzoi. Unsere Ansprechpartnerin im Regierungssitz war die sehr kooperative Anna Nardini.

Und Sie?

Jürg Kleemann: Ja, mit mir war das so eine Sache. Ich hatte als einziger nicht die italienische Staatsbürgerschaft, das war aber eine Voraussetzung, denn wir traten ja als italienische Kirche an, nicht als Auslandskirche! Ich war deshalb als lutherischer Theologe beratendes Mitglied.

Wie waren denn damals die Beziehungen zu den anderen evangelischen Kirchen in Italien?

Jürg Kleemann: Der Protestantismus in Italien war damals sehr streng und bestand auf einer strikten Trennung von Staat und Kirche. Der Moderator der Waldensischen Tafel warnte uns kurz vor der Unterzeichnung des Staatsvertrages, uns nicht vereinnahmen zu lassen. Es sei unmoralisch und gefährlich, mit dem Geld des Staats (8xMille) die Kirche zu finanzieren. Wir Lutheraner aus Deutschland mit volkskirchlichem Hintergrund haben eigentlich immer die Nähe zum Staat gesucht und darin nichts Kompromittierendes gesehen. Aber das wurde uns als zu große Nähe zum Katholizismus ausgelegt.

Ökumene war damals noch kein mit Leben gefüllter Begriff?

Jürg Kleemann: Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen! Als das erste Mal anlässlich von Luthers Geburtstag ein Papst in der Kirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Rom sprechen sollte, war das ein Skandal. Aber damit bin ich jetzt wieder in der Zeit zurückgegangen, das war 1983. Jedenfalls wurde uns das als Verrat ausgelegt! Auch die EKD war damals empört und wollte sogar den Pfarrer Christoph Meyer absetzen. Woraufhin das Konsistorium mitteilte, dass nur der Dekan dazu berufen sei!

Und wie haben sich dann die Wogen geglättet?

Jürg Kleemann: Durch eine Eskamotage, wie die Italiener so schön sagen. Eine List. Wir haben den Papst in seiner Eigenschaft als Bischof von Rom eingeladen, damit wurde sein Besuch zu einer lokalen Angelegenheit…

Zurück zur Intesa. Wir waren stehengeblieben im Jahr 1992.

Jürg Kleemann: Richtig. Nach der offiziellen Einladung von Andreotti kam plötzlich alles ganz schnell in Gang. Es folgten Treffen mit der paritätischen Kommission, in denen am Vertragswerk gefeilt wurde. Ich hatte den Eindruck, dass wir, obwohl nur mehrere tausend Mitglieder stark, als laizistische und demokratische Kirche doch von einem gewissen Interesse waren, auch durch unser diakonisches Engagement am Golf von Neapel.

Wann wurde die Intesa unterzeichnet?

Jürg Kleemann: Am 20. April 1993. Der Festakt im Chigi-Palast war eine der letzten Amtshandlungen von Ministerpräsident Giuliano Amato, der mittlerweile auf Andreotti gefolgt war. Am nächsten Tag trat er zurück. Und nach weiteren zweieinhalb Jahren, am 29. November 1995 wurde die Intesa als Gesetz von Parlament und Senat verabschiedet.

Die ELKI war damit nicht mehr ein Ableger der EKD, sondern eine eigenständige, italienische Kirche.

Jürg Kleemann: Ja, aber ich glaube, sogar heute ist das noch nicht allen so richtig bewusst. Für die ELKI war es ein Schritt in die Unabhängigkeit, aber auch zur Öffnung nach Italien. Durch die Intesa haben wir offiziell Zugang zu den Schulen, zu Krankenhäusern, zu Gefängnissen und zu Kasernen. Und wir werden von den anderen Kirchen als gleichwertig anerkannt.

Sie sind nun schon 15 Jahre in Pension. Wie sehen Sie die ELKI heute?

Jürg Kleemann: In einem Klima des Nationalismus, des Populismus und nicht zuletzt auch eines wiedererstarkenden Klerikalismus ist die ELKI für mich eine freie Spielwiese, wo Menschen sich begegnen können, unabhängig von ihrer Konfession und Herkunft. Eine starke, laizistische Kirche, die aus ihrer Vielfalt lebt, die in einem lebendigen Gesprächsprozess steht. Jede Gemeinde hat ihre Spezialitäten und lebt in ihren lokalen Bezügen. All diese unterschiedlichen Modelle werden in der Synode begleitet und gebündelt. Die ELKI ist in der italienischen Gesellschaft engagiert, sie erhebt ihre Stimme. Als große Chance der ELKI sehe ich die Frauen. Die Elki ist mehrheitlich eine Kirche der Frauen. Wir hatten großartige Synodalpräsidentinnen, das Frauennetzwerk ist weit verzweigt. Von unseren 55 Synodalen sind 32 Frauen. Aber ich sehe auch einige kritische Punkte.

Und die wären?

Jürg Kleemann: Das Personal. Unsere Pfarrer, die für wenige Jahre kommen, die an volkskirchliche Gemeinden aus Deutschland gewöhnt sind, wo sie Familien über Generationen begleiten. Hier ist das anders. Die Gemeinden sind oft nur vorübergehende Heimat für Menschen. Da braucht es einen anderen Ansatz, den es zu lernen heißt. Und kaum ist es soweit, ist die Zeit abgelaufen. Dazu das Sprachproblem. Immer noch eine deutliche Grenze für die Aktivitäten der Elki, die (wie auch jede Gemeinde) rechtlich ein „ente ecclesiastico di diritto civile italiano“ ist. Das erinnert an unsere zweisprachigen Familien. Damit heißt es sich zu identifizieren.

nd