Das tägliche Manna: die Heilige Schrift

Zum Essen: Das in der Wüste vom Himmel fallende Himmelsbrot wird den Israeliten mit dieser Erklärung zugeteilt. Gewiss, es dient dazu, den Hunger zu stillen, aber warum der Zusatz: zum Essen? Weil man damit keinen Handel treiben darf und es nicht horten darf, um es weiterzuverkaufen. Es darf keinen Tauschwert haben, sondern muss einen Nutzwert besitzen. Und deshalb verfault es, wenn man es für den nächsten Tag aufbewahrt.
Die Heilige Schrift hat fürmich Leserden Nutzwert von Manna. Ich sammle es jeden Morgen beim Aufwachen ein und konsumiere es in einer Portion. Sein Geschmack verbleibt noch über Stunden in meinem Mund und manches alte Wort dreht sich noch weiter darin um.
Als Leser besitzt die Heilige Schrift einen Nutzwert. Keinen Tauschwert: Ich bringe sie nicht auf den Markt, ich lege sie nicht auf dem Stand aus, um ihr mein Tageshoroskop zu entnehmen. Ich hänge ihre Altertümlichkeit nicht an den kleinen Karren des Tages an. Ohne Reste zu hinterlassen vergeht die Intimität zwischen den zufällig gewählten Versen und meinen Poren.
So antworte ich auf die Frage: Wofür brauchst du es? Beim Aufwachen, mit dem Kopf zu und leer, dringt das alte Hebräisch in meinen Schädel ein, wie Wind in einen Raum, der zerzaust, verstrubbelt und die Wimpern abstaubt. Ich begebe mich in seine Wüste, in seine Orte ohne bereisbare Geographie. Ich reihe mich in die Schar eine andere zu lesen. Es ist konkretes Himmelsbrot:Jeden Morgen nimmt es einen anderen Geschmack an. Ein immer wieder gelesener Vers ändert von Mal zu Mal seinen Geschmack. Ich kann den Gebrauch nicht empfehlen. Die Heilige Schrift, die ich lieber nicht Bibel nenne, ist eine Begegnung, die der Gelegenheiten und Anlässe bedarf. Begegnungen kann man nicht empfehlen. Das, was für mich einen Mannawert hat, kann für einen anderen ungenießbar sein.
Mir gibt sie den Passierschein in die Zeit des Ursprungs und der Anfänge. Das ist kein Wunsch nach Vergangenheit: Die Zukunft des Flusses liegt nicht an seiner Mündung.Die Zukunft des Flusses befindet sich an seiner Quelle.

Foto Erri De Luca

Erri De Luca, Schriftsteller, Provinz Rom

Übersetzung: Kerstin Gros

(Vom Miteinander 3/2018)