Tot – mitten im Leben

Bei einer Diskussion zur Patientenverfügung wurde ich gefragt: „Wann ist eigentlich ein Mensch nach biblischem Verständnis tot?“ Es gibt zwei Antworten auf diese Frage: Gottes Atem macht uns Men- schen erst lebendig (z. B. 1. Mose 2,7; Jesaja 42,5). Nimmt Gott uns die- sen Atem wieder,„hauchen“ wir damit unser Leben aus (vgl. Johannes 19,30, wo es wörtlich heißt, dass Jesus„seinen Geist übergibt“). So wird der Tod physisch erklärt.

Da die Bibel Leben immer in Beziehungen denkt, gibt es aber auch ei- nen „sozialen Tod“. Dann, wenn alle Beziehungen zu Gott und zu den Mitmenschen abgebrochen sind. Der 88. Psalm ist ein erschütterndes Beispiel dafür, wie sich ein Mensch schon zu Lebzeiten als Toter fühlen kann, weil er scheinbar vergeblich zu Gott schreit. Lebendig begraben, weil sich seine Freunde und seine Familie von ihm abgewandt haben. Immer wieder lesen wir in der Zeitung, dass Menschen monatelang tot in ihrer Wohnung lagen.Wann sind sie eigentlich gestorben? Schon lan- ge vor ihrem medizinischen Todeszeitpunkt – dann, als sie niemand mehr vermisst hat! Die Ursachen für diesen„sozialen Tod“ können viel- schichtig sein. Dorothee Sölle schreibt eindrücklich, dass uns unser Be- sitzdenken einsam machen kann:„Der Mensch lebt nicht vom Brot al- lein, er stirbt sogar am Brot allein, einen allgegenwärtigen, schreckli- chen Tod … Den Tod, bei dem wir noch eine Weile weitervegetieren kön- nen, weil die Maschine noch läuft, den furchtbaren Tod der Bezie- hungslosigkeit.“

Menschen werden aber auch ausgegrenzt und gemobbt, totge- schwiegen und bewusst übergangen. Das 5. Gebot:„Du sollst nicht tö- ten!“ bekommt so gesehen noch einmal eine ganz neue Bedeutung:Tö- ten können auch das Getuschel hinter meinem Rücken, ein Shitstorm im Internet, das wiederholte Wegdrücken eines Anrufs oder das eisi- ge Schweigen einer Gruppe.

Jesus selbst hat immer gegen diesen „sozialen Tod“ gekämpft: Er hat Aussätzige geheilt, die wegen ihrer Krankheit abgeschoben waren. Er hat mit Sündern gegessen, die für einen Frommen sozusagen „ge- storben“ waren. Und Jesus ist bei Zachäus eingekehrt, der als Zöllner von der Gesellschaft geächtet war (Lukas 19,1-10). Für mich eine echte Ostergeschichte: In der Begegnung mit Jesus wird Zachäus neu be- ziehungsfähig – eine Auferstehung zum Leben vor dem Tod!

Friedemann Glaser

(Vom Miteinander 2/2018)