Auf dem norwegischen Pilgerweg

„Wer pilgert, will was loswerden.“ Volksweisheiten wie diese haben mich motoviert, den Olavsweg in Norwegen zu gehen und Vera aus Aachen geht mit. Wir treffen uns in Oslo; 12 kg Gepäck auf den Schultern, nicht messbare Lasten auf der Seele – so gehen wir los, geredet wird wenig denn: Der Weg ist das Ziel und der beschäftig uns sehr, weil wir die Wegzeichen, das Nidaros-Kreuz mit dem Vierpass-Knoten, so oft nicht finden. Auch das Wetter ist uns nicht hold, es regnet. Jede noch so schlichte Herberge, die wir erreichen, erfüllt uns mit Dankbarkeit, ein kleiner Sonnenstrahl macht uns fröhlich, barfuß auf nassem Moor oder abgeschliffenen glatten Steinen zu gehen, macht glücklich.

Wir nähern uns der Hochebene auf dem Dovre-Fjell: Allmanroysa, ein alter Thingplatz, markiert mit einem riesigen Steinhaufen liegt vor uns. Pilger legen hier als Symbol für das, was sie belastet, einen Stein ab. Meiner ist weiß, herzförmig mit einer dunklen Bruchlinie in der Mitte. Veras Stein bleibt ihr Geheimnis. Wir sind ganz allein. Rucksack ab, Stöcke beiseite, Stein aus dem Rucksack. Noch 50 m bis zum Steinhaufen. Wie viele Tränen, Seufzer, Gebete haben diese Steine schon vernommen? Ich fühle mich umgeben von Scharen von Menschen, die Schweres, Leidvolles, Krankheiten, Schmerzen, Gewalt und Unrecht hier abgelegt haben. Ich bin ganz allein und doch mit allen vereint. Ein Wind kommt auf, eine weiße, kalte Sonne wirft ihr Licht auf all das aufgetürmte Leid. Jetzt erst fühle ich die Tränen in meinem Gesicht. Vera kommt mir entgegen, auch mit feuchten Augen. Wie selbstverständlich gehen wir gemeinsam hin und legen unsere Steine ab, wortlos. Der 23. Psalm liegt mir auf den Lippen, leise sag ich ihn vor mich hin, Vera stimmt ein. Eine lange Umarmung und schweigend machen wir uns wieder auf den Weg. Noch ein Blick zurück lässt uns fühlen, wie gut es war, hier gewesen zu sein. Wir gehen eine Weile Hand in Hand.

320 km in 14 Tagen. Wir haben´s geschafft und es war gut. Nicht lauter Jubel sondern eine stille Umarmung beschreibt das Glück, das wir empfinden.

Bärbel Naeve, Kiel

(Vom  Miteinander 1/2018)