Gedanken zu einem feigen Attentat in Rom

Eine Straße irgendwo in Rom. Junge Menschen, die einen Abend gemeinsam verbringen, ausgehen wollen. Und dann ein Schuss. Ein Schuss, der kein Leben raubt, aber denjenigen, der getroffen wurde, seines bisherigen Lebens beraubt. Ein Schuss, der nicht ihm galt. Das Knochenmark durchgetrennt. Manuel Bortuzzo ist 19 Jahre alt. Eigentlich lebt er in Treviso, aber er ist aufgenommen worden als Mitglied der italienischen Schwimmer-Nationalmannschaft, die ihren Sitz in Rom hat. Trainiert jeden Tag, 19 km Bahnen in der Halle, einen athletischen Körper und im Kopf den Traum des Podiums, vielleicht der Olympiade. „Schwimmhoffung“, so wurde hier in der Zeitung getitelt. Damit ist es jetzt vorbei. Aus einem plus wurde ein minus, der Körper wird Manuel weiterhin auszeichnen, hervorheben, aber nicht mehr als vielversprechenden Athleten, sondern als jungen Rollstuhlfahrer. Man kann sich das nicht vorstellen, ich will mir das nicht vorstellen, wie ein junger Mensch damit fertig werden soll. Opfer einer Verwechslung. In jedem Fall „aus heiterem Himmel“. Nein, heiter ist das nicht und der Himmel scheint eher verschlossen gewesen zu sein. Wärest du doch hernieder gefahren und hättest die Kugeln im Laufe gestoppt!

Doch dann bremse ich mich auch schon wieder ein. Ich bin betroffen, im Innersten gerührt. Aber ist das nicht ungerecht? Zeitgleich kämpfen möglicherweise auf einer Nussschale zusammengepferchte Migranten im Niemandsland zwischen der lybischen Küste und Italien um ihr Leben, auch sie haben einen Traum im Kopf, den eines besseren Lebens. Sterben irgendwo im Jemen unbemerkt mehrere Kinder, die nicht einmal die Chance hatten, ein Hobby auszuprägen, mit Freunden auszugehen. Ihre Geschichte bleibt mir unbekannt, ebenso wie ihre Namen. Aber ich will jetzt trotzdem nicht meine Betroffenheit rechtfertigen müssen oder ein Unrecht durch ein anderes zum Schweigen bringen. Diese Schüsse haben das Rückenmark getroffen, einen Nerv durchtrennt – so leicht kann es passieren, dass einem das Leben umgestülpt wird, von einer Sekunde zur anderen. Das macht Angst. Was bleibt einem, und vor allem, was bleibt ihm, der Schwimmhoffnung, frage ich mich? Und ich hoffe auf ein Wunder. Dass gute Mächte auch jetzt noch wunderbar zu bergen wissen, auch wenn ich es mir jetzt gerade nicht vorstellen kann. Auf dass sich der Himmel doch noch öffne, nachträglich.

 

Michael Jäger, Pfarrer in Bozen