Der Mensch und die Schöpfung

Das Alte Testament und die Beziehung
zwischen den Menschen und dem Rest der Schöpfung

Die Bibel behauptet, dass zu Anbeginn der Zeit ( vor dem Fall) Menschen und Tiere harmonisch und friedlich zusammenlebten, und dass sich dies am Ende der Zeit wiederholen werde: In der Genesis 1:29 steht, dass Menschen und Tiere sich nur von pflanzlichen Produkten ernähren sollen; bei Jesaia 65:25, dass„Wolf und Lamm beieinander weiden werden, der Löwe Stroh fressen wird wie die Rinder…“. Im selben Abschnitt ist weiter oben jedoch zu lesen, dass der Mensch über alle Tiere herrscht und der‚Unterjocher‘ der Erde ist. Das scheint sich zu widersprechen:Wie kann ich in Frieden und Harmonie leben, wenn ich als Herrscher dargestellt werde? In der Genesis 1:27-28 sagt Gott:„bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“

Problematisch wird es, wenn man diese Verse aus ihrem Zusammenhang reißt. Wenige Zeilen zuvor weist Gott dem Menschen die Aufgabe zu, die Erde und die Tiere zu beherrschen, da er nach Gottes Abbild geschaffen wurde. Fast als wolle er damit sagen, dass der Mensch Gottes Kreaturen hüten und lieben soll,so wie Gott selbst über sie wacht und sie liebt. Der Mensch soll ein guter Beherrscher und Unterjocher sein, so wie es Gott auch ist. Die Bibel unterstreicht weiterhin, dass Menschen und Tiere demselben Bund angehören, den Gott mit seinen Geschöpfen geschlossen hat. In der Genesis 9:9-11 verspricht Gott Noah und allen Tieren, nie wieder eine Sintflut zu schicken:„Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche

Franz von Assisi vor der Schöpfung / Francesco d‘Assisi davanti al creato

Franz von Assisi vor der Schöpfung / Francesco d‘Assisi
davanti al creato

gekommen sind.“ Dieser Aspekt wird dadurch bekräftigt, dass Menschen und Tiere das gleiche Schicksal teilen. Im Buch Kohelet steht:„Denn das Schicksal der Menschen und das Schicksal der Tiere ist ein und dasselbe: die einen sterben so gut wie die anderen, und sie haben alle den gleichen Odem, und einen Vorzug des Menschen vor den Tieren gibt es nicht: alles geht an denselben Ort; alles ist vom Staube geworden, und alles kehrt zum Staube zurück.“ Gottes Liebe und Fürsorge gilt allen Lebewesen und wird auch von den Tieren selbst erwidert, die sich in einem gewissen Sinn „betend“ an ihren Schöpfer wenden. Dazu Psalm 104:„Die jungen Löwen brüllen nach Beute, sie verlangen von Gott ihre Nahrung“, oder auch Jesaia 43:20:„Die wilden Tiere werden mich preisen…“ In der Bibel neigen die Vorschriften, die die Arbeit und das Schlachten von Tieren betreffen, dazu, das Ausbeuten von Lebewesen zu begrenzen: Der Mensch darf sich nur von bestimmten Tierarten ernähren, wofür eine rituelle Schlachtung vorgeschrieben wird, bei deren traditioneller Ausführung die Tiere weniger leiden. Der Ruhetag wird auch auf Tiere wie Ochsen, Esel und Vieh ausgeweitet und unnötiges Leiden soll vermieden werden. Ochse und Esel sollen beim Pflügen nicht zusammengespannt werden, damit der Kraft- unterschied der beiden Tiere dem Schwächeren nicht zum Nachteil wird.

Das Bild, das aus dem Alten Testament hervorgeht, könnte man folgendermaßen zusammenfassen: Dem Menschen wird die Aufgabe zugeteilt, liebevoll und fürsorglich den Garten der Schöpfung zu pflegen und die Tiere zu achten. Er soll ihre Arbeitskraft nutzen, sie züchten und, falls erforderlich, töten, um sich von ihnen zu ernähren, ohne ihnen aber unnötig Leid zuzufügen. In einer au- sgewogenen Beziehung zwischen Mensch und Schöpfung, denn auch wir wurden nach Gottes Abbild erschaffen.

Roberto Tresoldi

Übersetzung: Kerstin Gros

Foto:Di Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France – L’arche de Noé (mosaïques de la Chapelle palatine, Palerme), CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24666819